Constanze Kratzsch

"BETON-SPIEGEL" - Fotoserie, 2009

In meiner Arbeit geht es um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Es ist eine Spiegelung. Der Mensch im Vordergrund reflektiert das Bild im Hintergrund.

Die DDR-Bilder und der Mensch im Vordergrund werden Eins. Der Betrachter wird zum Akteur im Bildhintergrund: Gegenwart und Vergangenheit in einem Bild.

 

Eine lange Zeit verbrachte ich im Sommer 2009 vor den großen plakatierten Geschichtsbildern am Alexanderplatz und am Checkpoint Charlie zur Openair-Ausstellung „20 Jahre Mauerfall“ und beobachtete die Menschen, wie sie daran vorbei gingen. Nach einigen Tagen fuhr es mir wie ein Blitz durch meinen Kopf und ich bemerkte, wie surrealistisch es wirkte, wie der Betrachter vor dem Bild stand. Und so begann ich, mein erstes Foto zur Serie mit der Nikon zu fotografieren. Beim Fotografieren war ich ziemlich nah hinter der Person und löste mit dem Blitz aus. Natürlich passte nicht jeder Mensch in die Szenerie und somit beobachtete ich jede Woche die Ausstellung und ihre Besucher.

 

Ich kam am 31.07.1984 auf der Insel Rügen zur Welt, das heißt, ich war noch sehr jung, um genau zu sein, war ich gerade fünf Jahre alt, als die Mauer fiel. Aber auch als Kind bekam man viel von seiner Außenwelt mit, das Miteinander, die Gestik, das Physische und so setzte ich mich mit meinen Kindheitserinnerungen nochmals auseinander.

 

Den folgenden geschriebenen Text verfasste ich mit 16 Jahren. Ich schrieb zu der Zeit sehr viel und musste meine Gedanken zu gewissen Themen schriftlich äußern. Ich verspürte den Drang zum Schreiben, sonst fühlte ich mich unwohl, und ich fand meinen Frieden in meinen Texten, meinen Gedichten, meinen Aphorismen. Es entstand „Beton-Spiegel“.

 

Man kann sagen, es ist mein Abschied an meine DDR-Kindheit, die ohne Gleichen eine wunder-volle Kindheit war. Aber trotz allem merkte ich damals und noch aus heutigen Erzählungen, dass es nicht leicht war zu dieser Zeit, mit der Mauer als Grenze ohne Freiheit zu leben.

 

 

© Constanze Kratzsch

 

„Beton-Spiegel“

 

Ich fühle mich umsponnen von der Vergangenheit, möchte mich nicht umdrehen, hab´ Angst davor. Du eiskalte Mauer hast so viel Unglück gebracht, hast uns nicht heraus gelassen aus deinen vier Wänden, uns keine Freiheit gegeben, hätten gern fremde Länder bereist. Aber du ... wer sich dir genähert hat, den hast du umgebracht. Ja du, du eiskalte Mauer, wolltest uns aushorchen, was wir machen, um deine Mauern zu durchbrechen. Du hattest überall deine Spitzel. Und jetzt, jetzt ist alles vorbei. Jetzt sind wir die Mauer, die dir den Rücken zukehren und dich hinter Gitter bringen. Nur die Erinnerungen an die guten Dinge, die du uns gebracht hast, existieren noch. Nun ist dein Platz im Schaufenster.